Ashburton



25.02. - 15.03. & 24.03. - 05.04.2018
 
Surprise: Ich arbeite wieder auf einer Dairy Farm! Das hat euch jetzt überrascht oder? Und zwar in der Nähe von Ashburton. Das ist dieses Mal ca. 1h südlich von Christchurch. Nagut. Die Farm an sich ist nochmal um die 40min von Ashburton entfernt und liegt irgendwo zwischen Hinds, Ealing und Mayfield. Relativ in der Mitte von diesem Dreieck sogar.
 
An den Job bin ich durch einen Freund/Bekannten gekommen, der schon vor 4 Jahren in Neuseeland war und einige Zeit für den gleichen Arbeitgeber gearbeitet hat. Er hat Matt (besagter Arbeitgeber) für mich gefragt, ob er Arbeit für mich hätte und mir dann seine Nummer gegeben. Das war allerdings schon im September 2017. Matt meinte damals schon, dass das klappt und ich in ca. einem Monat her kommen könnte. Dann war ich ja aber in Galatea. Der ursprüngliche Plan war eigentlich, nur nach Galatea zu gehen um etwas Erfahrung im Umgang mit Kühen zu bekommen und Melken zu lernen. Ziel des ganzen war, dass ich dann wenn ich wirklich bezahlt werde nicht erst alles lernen muss, sondern gleich „nützlich“ bin. Das hat sich dann wie ihr wisst durchaus etwas anders gestaltet. Damals hab ich Matt geschrieben, dass gerne noch länger in Galatea bleiben würde und gefragt ob es auch ok wäre, wenn ich später komme. Er meinte darauf, dass ich einfach her kommen soll wenn ich bereit dazu bin. Dann hatten wir erstmal keinen Kontakt mehr. Während ich mit Mama und Papa unterwegs war, habe ich ihn nochmal vorsichtig gefragt, ob er denn immer noch Arbeit für mich hätte – ich meine es war über 4 Monate her, dass ich nach Arbeit gefragt hatte. Er antwortete darauf sofort mit Ja und dann klappte das. Ich muss sagen, das war für mich wirklich unerlaubt einfach. Also Besten Dank dafür!
Wie es auf einer Farm so abläuft wisst ihr ja durch meine Posts über Galatea so ungefähr. Was ist also neu?

Blick auf die Farm vom Haus aus: Sonnenuntergang im Nebel.

Die Größe

Die Farm in Ashburton ist im Vergleich zu Galatea riesig. 200ha und um die 800 Kühe die gemolken werden. Auf dem Run-off (das ist sozusagen eine gemietete Farm, auf der alle Tiere „abgestellt“ werden, die nicht gemolken werden) sind noch mal wesentlich mehr. Heifer und Bullen jeden Alters. Der Run-off hat wenn ich mich richtig erinnere auch so um die 200ha.

Auch vom Haus aus: Abendrot

Melkanlage

So viele Kühe 2x täglich in einer normalen 36 bale Herringbone Shed zu melken würde Jahre dauern. Das habe ich ja schon erlebt, als ich Sophie in Culverden besucht habe. Deshalb haben wir hier keine Herringbone Shed, sondern eine sogenannte Rotary Shed. 

Konzept einer Heringbone Shed
Wie funktioniert eine Heringbone Shed? Erstmal der Name. Der erklärt schon das meiste. Herringbone kommt daher, dass die Kühe angeordnet sind wie Fischgräten (siehe Bild). Das Melken läuft so ab, dass die Kühe auf beiden Seiten rein laufen und sich hin stellen. Manchmal muss man ihnen noch den einen oder anderen Klapps geben oder sie erschrecken, damit sie sich dicht genug stellen bzw. überhaupt rein kommen. Dann fängt man vorne an, die Cups (hängen in der Mitte) auf einer Seite anzuschließen und arbeitet sich von Kuh zu Kuh nach hinten. Ist man hinten angekommen sind die ersten Kühe vorne in der Regel fast fertig mit melken. Sind sie dann fertig, macht man die Cups ab und schließt sie an die Kuh gegenüber an. So arbeitet man sich wieder nach hinten. Hat man alle Cups der ersten Reihe ab gemacht, kann man vorne das Tor öffnen und die gemolkenen Kühe raus lassen. Sind sie alle raus, schließt man das Tor wieder und macht das Tor hinten auf, damit neue Kühe rein können. Das läuft natürlich meistens nicht so schön hintereinander ab, wie ich das jetzt beschrieben habe. Das meiste läuft zeitweise parallel. Das zu beschreiben wäre aber sehr schwierig.

Die "Cups"
36 Bales bedeutet übrigens, dass in dieser Art von Melkanlage 36 Kühe auf jede Seite passen. Es gibt also 36 Cups, bzw. es können maximal 36 Kühe gleichzeitig gemolken werden. Da es aber 2 Reihen gibt befinden sich zur meisten Zeit 72 Kühe gleichzeitig in der Melkanlage.

Wie funktioniert jetzt eine Rotary Shed? Die Kühe stehen auf einer runden Plattform die sich dreht. Die befindet sich ungefähr auf Hüfthöhe. In Ashburton hatten wir eine 60 Bale Rotary Shed – das bedeutet, dass auf die Plattform 60 Kühe gleichzeitig passen und damit gleichzeitig gemolken werden können.

Konzept einer Rotary Shed
Zuerst läuft die Kuh auf die Plattform drauf. Der Melker (gibt’s das Wort in Deutsch?) steht unmittelbar daneben (natürlich tiefer) und schließt die Cups an, während die Kuh vorbei fährt. Wenn man sehr viel Skill hat ist man damit so schnell, dass man sich nicht einmal bewegen muss. Kommt die nächste Kuh vorbei gefahren werden bei ihr die Cups angeschlossen und immer so weiter. Die Kühe fahren dann im Kreis und werden währenddessen gemolken. Wenn sie ausgemolken sind, erkennt das System das und die Cups fallen von alleine ab. Ist die Kuh am Ausgang angekommen, geht sie rückwärts von der Plattform runter, sodass ihr Platz wieder frei ist. Der leere Platz fährt dann ein paar Meter weiter, wo dann die nächste Kuh „einsteigt“. Falls die Kuh innerhalb der Zeit, die sie braucht um eine Runde zu fahren nicht ausgemolken wird, fallen die Cups nicht ab, der Bügel an ihrem Platz geht nicht hoch, dadurch kann sie nicht aussteigen und fährt einfach noch eine zweite Runde.

Ganz von alleine gehen die Kühe natürlich nicht runter, denn während sie auf der Plattform fahren kommen sie an den Futtertrog ran. Davon weg zu gehen ist verständlicherweise nicht besonders einladend. Deshalb hängt beim Ausgang ein großer schwarzer Kanister auf Kopfhöhe der Kühe, den sie ins Gesicht bekommen wenn sie nicht aussteigen. Und einen Wasserstrahl kriegen sie sonst auch ins Gesicht. Einige Kühe juckt es trotzdem nicht. Die sind so dreist und bleiben einfach stehen um weiter zu fressen. Da muss man immer mit drauf achten, ob sie auch runter gehen, denn wenn sie stehen bleiben und eine zweite Runde fahren wird ein Platz verschenkt und das Melken wesentlich uneffektiver. Für den Fall, dass sie stehen bleiben gibt es einen Knopf den man drücken kann, damit die Kuh Luft ins Gesicht gepustet bekommt. Die Kühe wissen aber eigentlich, dass sie was „verbotenes“ tun, wenn sie stehen bleiben. Deshalb reicht es meistens ihnen zu zeigen, dass man genau gesehen hat, dass sie noch da sind indem man ihnen zuruft, dass sie runter gehen sollen. Durch die Melkanlage tönt es dann des Öfteren „Oi! Fuck off!“, „Get off there!“ oder „Back up!“. Die meisten Kühe sind dann ganz schnell weg. Es gibt aber auch einige ganz dreiste, die trotzdem stehen bleiben, oder raus gehen, warten bis man weg schaut und dann wieder einsteigen.


Die Kühe warten auf dem yard ( = Hof) bis sie gemolken werden. (Stehen normalerweise gedrängter)


Was auch noch sehr interessant ist: Rotary Sheds sind insgesamt sauberer. Zum einen scheißen die Kühe weniger. Karl meinte mal, das liegt daran, dass es die Kühe beruhigt im Kreis zu fahren, aber ich glaube ehrlich gesagt es liegt eher daran, dass sie einfach kürzer in der Melkanlage sind. Ist jedenfalls ein sehr hübscher Nebeneffekt. Zum anderen werden die Cups nach jeder Runde von einem Wasserstrahl abgespült wenn sie zwischen Aus- und Eingang vorbei fahren. Außerdem haben die Kühe in Ashburton immer nachdem die Cups abgefallen sind sogenanntes „Teat Spray“ aufgetragen bekommen (natürlich ganz automatisch). Das soll die Zitzen nach dem Melken schneller versiegeln, was die Chance auf eine Mastitis Infektion besonders durch Keime vom Boden stark reduziert.

Rotary Sheds sind also bei großen Herden weit effektiver. Das Kühe rein- und raus treiben fällt weg, das hin und her gelaufe und Cups ab machen auch und es können wesentlich mehr Kühe gleichzeitig gemolken werden. Außerdem ist man nicht ständig damit beschäftigt Kuhscheiße weg zu spülen. Dadurch kann eine Person alleine locker 700 Kühe melken. In Galatea waren wir bei 200 zu zweit bis zu dritt. 

Aber es ist auch stressiger. Zumindest am Anfang. Ich meine ich kann ja eigentlich melken und bin in den 4 Monaten Galatea auch recht schnell geworden – wir haben das halt ohne Ausnahme 2x täglich gemacht. Trotzdem bin ich am Anfang mit der Geschwindigkeit mit der die Kühe an mir vorbei gefahren sind überhaupt nicht mitgekommen. Und das Problem ist, es gibt keine Pause. Die Kühe fahren beständig an einem vorbei. Das heißt, wenn man einmal hinterher hängt, hat man keine Chance aufzuholen – außer man ist schneller mit anschließen als die Kühe fahren. Ein Teufelskreis. Natürlich kann man die Anlage eigentlich auch anhalten, aber das macht das Melken auch uneffektiver. Dadurch dauert dann alles länger. Man kann also erst ab dem Zeitpunkt entspannt melken ab dem man schneller als die Anlage ist. 

Mein Problem war vor allem, dass ich noch einmal komplett umlernen musste. In Galatea habe ich immer die Cups mit der rechten Hand gehalten und die Saugansätze mit der linken Hand über die Zitzen gestülpt. Hier musste ich es anders herum machen, weil ich mich sonst immer total verheddert habe, weil die Kühe nach rechts fahren. Deshalb hat es ziemlich lange gedauert bis ich halbwegs entspannt melken konnte. Außerdem muss man während des Melkens nicht nur Cups anschließen, sondern auch beobachten ob die Kühe von der Plattform runter gehen, rein gehen, das Gate auf dem Hof bedienen (zwar mit Knöpfen – aber man muss aufpassen, dass man die Kühe weder einquetscht noch ihnen zu viel Platz lässt, heißt die Herde im Hof auch ständig im Blick behalten), Schläuche die von den Cups abgegangen sind wieder dran stecken und Kuhscheiße wegspülen. Und nach Möglichkeit aufpassen, dass man nicht doch angeschissen wird oder eine unfreiwillige Dusche in Kuh-Urin nimmt. Also nur schnell Cups anschließen können reicht bei weitem nicht. 

Die Melkanlage von innen

...und von außen

Links zu Videos die Einblick in die Melkanlage in Betrieb geben: (Waren zu groß um sie direkt hier hochzuladen)

Organic?

Die Farm ist nicht organic. Das heißt es werden sowohl Dünger als auch Penizilin und sonstige Medikamente genutzt. Das wiederum bedeutet, es gibt Kühe, deren Milch nicht in den großen Milchtank geht, sondern in einen separaten Eimer. Das sind die sogenannten „Penicillin Cows“ oder „Red Cows“. Also die Kühe, die aufgrund von Mastitis oder sehr schweren Entzündungen in den Hufen mit Penizillin behandelt wurden. (Es gibt sicher auch noch andere Gründe für Behandlungen mit Penizillin.) Das Penizillin hinterlässt Rückstände in der Milch und die kann dadurch nicht mehr verkauft werden. „Red Cows“ deswegen, weil die behandelten Kühe von hinten komplett rot angesprüht werden, damit man sie nicht ausversehen wie normale Kühe an die Melkanlage anschließt. 

Eine penicilin cow mit bucket

Was macht man also anders? Es wird ein Plastikeimer quasi „dazwischengeschaltet“. Normalerweise hat man die Cups mit 2 Schläuchen, die „in die Anlage“ führen. (Siehe Bild) Einen durch den die Milch fließt und einen, der das Vakuum und den Saugrythmus reguliert. Der Eimer der bei Penizillin Kühen dazwischen geschaltet wird hat im Deckel 2 Ausgänge. Einen wo man einen Schlauch drauf stecken kann und einen aus dem schon ein Schlauch raus kommt. 



Der Schlauch von den Cups durch den die Milch fließt wird dann vom System getrennt (kann man einfach abziehen) und auf den offenen Eingang vom Deckel gesteckt. Der Schlauch der vom Deckel kommt wird ans System gesteckt. Dadurch fließt die Milch nicht ins System, sondern erst in den Eimer. Da die Plattform auf der die Kühe stehen sich ja dreht, kann man den Eimer nicht einfach auf den Boden stellen – er würde sonst hinterher geschleift werden. Deshalb sind unter der Plattform Haken, an den man den Eimer dran hängt. Worauf man jetzt noch achten muss ist, dass der Eimer nicht voll wird. Wenn er nämlich voll wird und überläuft geht die Milch durch den 2. Schlauch wieder zurück ins System und landet im Milchtank. Das würde bedeuten, dass alle Milch im Milchtank unbrauchbar wird und weg geschüttet werden muss – im schlimmsten Fall sind das um die 16.000l Milch. Also ihr seht, da muss man echt aufpassen, dass man nicht den kleinsten Fehler macht.

Sonstige Farmarbeit

Natürlich habe ich nicht nur gemolken – im Vergleich zu Galatea habe ich das sogar nur sehr selten getan. Da man nur eine Person braucht habe ich mich mit meinen Kollegen immer abgewechselt. Dadurch habe ich meistens nur einmal pro Tag gemolken - manchmal nicht einmal das. 

Was macht man ansonsten so?

In der Tat hatten wir oft wirklich Probleme genug Arbeit zu finden. Das war manchmal ziemlich blöd, weil ich mich dadurch total nutzlos gefühlt habe. Die Beste Aufgabe, die immer da war (außer Melken), war die „Outdoor“ Arbeit parallel zum Melken. Also die erste Herde Kühe rein bringen, die richtigen Tore aufmachen und schließen, die zweite Herde zum richtigen Zeitpunkt rein bringen, der ersten ihren Anhänger mit palm kernel bringen und sie einsperren, die dritte Herde rein bringen, der zweiten ihren Anhänger bringen, temporäre Zäune auf den Paddocks aufbauen und weg nehmen und so weiter und so fort. Als die Person die die Outdoor Arbeit macht hat man fast mehr zu tun als der Melker. 

Chemiekeule zum Disteln sprühen
Ansonsten habe ich hauptsächlich Disteln gehackt, Disteln mit Gift besprüht (natürlich meine Lieblingsaufgaben – NICHT), die Werkstatt aufgeräumt, den Wirtschaftshof aufgeräumt, geputzt, Müll eingesammelt, temporäre Zäune gebaut, Steine geharkt und Feuerholz für den Winter gemacht. Keine übermäßig spannenden Aufgaben. Leider. Sehr schade, dass nicht viel an Maschinen geschraubt und gebastelt wurde. Das hat mir in Galatea echt viel Spaß gemacht.





beim Disteln sprühen

das Ergebnis nach einigen Tagen

 

 

Fortbewegungsmittel

mit dem Bike über die Weide
In Galatea sind wir ja hauptsächlich mit alten Autos herum gefahren. Hier gar nicht. Am Anfang bin ich hauptsächlich mit dem Quad durch die Gegend gekurvt (Jaaaaa ^^ Ich hab Quad fahren „gelernt“ – eigentlich gibt’s da nicht viel zu lernen), später bin ich meistens mit den alten klapprigen Farm-Motorrads rum gefahren und den Quad nur noch zum Zäune shiften genommen. Geht einfach viel leichter als mit dem Motorrad, weil man die standarts (das sind die temporären Zaunspfosten) damit einfach im Sitzen aus dem Boden ziehen kann und nicht jedes Mal absteigen bzw. runter schalten muss. Das Motorrad fahren hat aber echt Spaß gemacht. Und ich glaube man lernt auf solchen klapprigen, halb kaputten Motorrädern von denen man ständig unterschiedliche hat und auf unebenem Terrain vor allem beim Kühe treiben erst „richtig“ Motorrad fahren. Auf der Straße mit einem normal funktionierenden Motorrad fahren ist im Vergleich jetzt einfach. Vielleicht bringt mir das ja was bei der Motorrad Fahrschule. Nur Verkehrsregeln beachten wird doof :D

Das gute alte, klapprige Farmbike

Wenn ich jetzt schonmal beim rumfahren bin: Es gibt noch etwas, das anders war als in Galatea. Dort sind wir wenn wir in ein Paddock wollten immer brav ausgestiegen, haben das Tor geöffnet, sind durch gefahren, wieder ausgestiegen und haben es wieder geschlossen. Hier läuft das total anders. Es wird einfach über die Zäune gefahren. Die Drähte sind so lose, dass das geht ohne den Zaun umzufahren. Es braucht allerdings etwas Skill um sich nicht darin zu verheddern. Das klappt bei mir noch nicht immer, wobei es mit dem Motorrad leichter ist als mit dem Quad. Zeit spart es auf jeden Fall und es ist irgendwie echt witzig.

Hier 2 Videos vom Motorrad und Quad fahren:





Meine Kollegen

Ich hatte echt ziemlich viele Kollegen auf der Farm. 4 um genau zu sein. 3 davon haben mit mir direkt auf der Farm gearbeitet und eine auf dem run-off. Obwohl ab und an mal einer von uns zum run-off gefahren ist, oder sie zu uns gekommen ist. 

Zu Beginn habe ich ehrlich gesagt nicht wirklich einen Draht zu ihnen gefunden, aber mit der Zeit wurde es besser. Irgendwann habe ich dann aber das Gefühl bekommen, dass sie mich zunehmend ignorieren. Das war echt sehr schade und vor allem verletzend. Besonders in Kombination damit, dass es zu wenig Arbeit gab und ich mich so oder so schon nicht sehr hilfreich gefühlt habe.

Trotzdem fand ich es sehr schade, alle zu verlassen, als ich von der Farm gegangen bin. Das hat mir im Übrigen ziemliches Kopfzerbrechen bereitet. Warum baue ich immer wieder Beziehungen zu Personen auf, die sich nicht für mich interessieren? Warum binde ich mich in irgendeiner Form an diese Menschen? Das ist nicht das erste Mal, dass mir so etwas bei mir auffällt.

Martin (einer meiner Kollegen) im Traktor beim Sonnenaufgang nach dem Melken

Unterkunft und Essen

Gewohnt und gegessen habe ich bei Matt und Libby – und ich muss zugeben, ich hatte dort ziemlichen Luxus. Ein eigenes Zimmer, ein riesiges gemütliches Bett, sehr geräumiges Bad usw. Und das alles in einem super modernen Haus – sogar mit Kamin! 

Am Essen konnte ich mich bedienen wie ich wollte und Libby hat mir sogar extra Hafermilch und anderes vegetarisches Zeug gekauft. 

Ich musste also weder Miete noch Essen direkt bezahlen, während ich in Ashburton gearbeitet habe. Es wurde zwar von meinem Gehalt abgezogen, aber für den Luxus war es nicht zu viel.

Vom Haus wird es hier auf dem Blog leider keine Bilder geben. Das finde ich zu privat um es zu veröffentlichen. 


Die Sonnenuntergänge waren echt klasse

Neues Wissen über Kühe

Ich habe mal wieder einige interessante neue Dinge über Kühe und Farmarbeit gelernt. Wen es interessiert – Bitte:
  1. Um herauszufinden ob die Kühe genug Faserstoffe im Futter haben, kann man zählen wie oft sie auf dem wiedergekäuten Futter herumkauen. Wenn sie 60-75 mal kauen ist es gut. Weniger bedeutet zu wenige Faserstoffe und mehr bedeutet zu viele.
  2. Um zu sehen ob die Kühe überhaupt genug fressen, bzw. zu kontrollieren ob sie eine negative Energiebilanz haben schaut man sich an, wie dick die Kuh ist. Dazu zählt man die Rippen. Wenn 3 zu sehen sind ist die Kuh weder zu mager noch zu fett.
  3. Im Herbst/Winter bekommen die Kühe in Ashburton fodder beet (= Futterrübe). Die bestehen zu ca. 50% aus Zucker und geben den Kühen dadurch sehr viel Energie. Für sie quasi Süßigkeiten – die fahren da voll drauf ab. Was ich aber sagen will: Die Kühe müssen langsam an die Futterrüben gewöhnt werden. Wenn sie lange keine gefressen haben „vergisst“ ihr Körper, wie man die verarbeitet. Deshalb sind sie zu Beginn zum Beispiel nur 10min in den Futterrüben. Das wird dann nach und nach immer länger.
  4. Wenn die Kühe ca. 2h nach dem Melken zu 90% im Paddock liegen und nicht stehen ist das ein gutes Zeichen. Das bedeutet nämlich, dass sie genug Gras haben. Wenn sie noch herum laufen sind sie noch auf der Suche nach Futter.
  5. 50% der Zeit, die Kühe wach sind verbringen sie mit wiederkäuen.
  6. Wie viel Geld man für die Milch bekommt hängt nicht davon ab, wie viel Volumen man liefert, sondern wie viel Gramm/Kilogramm milksolids sie enthält. Das sind die Feststoffe in der Milch – also das was übrig bleiben würde, wenn man alles Wasser weg nimmt.
  7. Kühe produzieren pro Jahr im Durchschnitt ca. 50-60% ihres Körpergewichts an milksolids. (2014-15 lag der Durchschnitt in Neuseeland bei 377kg milksolids pro Kuh pro Jahr. Quelle: https://www.dairynz.co.nz/news/latest-news/how-now-new-zealand-cow/ 26.04.2018). Die Kühe auf der Farm in Ashburton hingegen produzieren pro Jahr mehr milksolids als ihr eigenes Körpergewicht. Wenn ich mich recht entsinne waren es so um die 120%. Wurde mir jedenfalls so erzählt. Die Farm ist also eine High Production Farm – und sie sind wirklich sehr strikt was das angeht. Kühe die nicht genug produzieren werden an andere Farmen verkauft.
  8. Um so ein hohes Produktionslevel zu erreichen muss man auch viel in die Farm investieren. Die Farm ist also auch eine High Input Farm. Die Kühe bekommen echt viel zusätzliches Futter. Beim Melken gibt es Getreide und noch irgendwas (keine Ahnung was genau), nach dem Melken zusätzlich palm kernel und Silage wird auch gefüttert. Und Futterrüben. Manchmal anscheinend auch molasses. (Palm kernel heißt auf Deutsch glaube ich Palmenkerne. Es ist jedenfalls das was übrig bleibt, wenn man aus den Palmen das Öl raus gequetscht hat. Ist ein braunes Pulver – übrigens sehr sehr unangenehm in den Augen. Molasses heißt auf Deutsch anscheinend Melassesirup. Wird meines Wissens aus Rüben hergestellt.) Und das alles wird zusätzlich zum Gras gefüttert. Dünger usw. gehört glaube ich auch zum Input dazu. Das wird „natürlich“ auch verwendet. Anscheinend rechnet es sich aber, so viel Input zu geben. Scheint soweit ich das mitbekommen habe eine positive Bilanz zu haben. Ist nur viel Arbeit das alles zu organisieren, zu überwachen und jeweils anzupassen, wenn die Kühe in eine neue Phase kommen.
  9. Gras kann zu alt werden. Das heißt, wenn es zu oft abgefressen wurde und nachwächst hat es irgendwann keine gute Qualität mehr. Deshalb wird ab und an auf einem Paddock alles Gras heraus gerissen, umgegraben und dann neues Gras gepflanzt. Ja, gepflanzt. Das wird nicht einfach ausgesäht wie man sich das vorstellt mit Grassamen einfach überall hin werfen, sondern irgendwie in Reihen in den Boden gebohrt. Jedenfalls stelle ich mir das so vor, da der Prozess „drilling“ heißt. Von nahem gesehen habe ich es nie. Was ich aber gesehen habe, ist in Reih und Glied wachsendes Gras auf neuen Paddocks. Auch auf älteren kann man die Struktur meistens noch gut erkennen. Total witzig.
  10. Es gibt viele verschiedene Arten von Bewässerungssystemen. Zum Beispiel ganz normale Rasensprenger („sprinkler“), den „rotorainer“ und die „center pivot irrigation“. Letzteres ist sehr beeindruckend, weil es sich um einen großen, auf Rädern fahrenden Bewässerungsbogen handelt. Es ist quasi ein langer Metallbogen, der im Kreis und auch über Zäune fährt. Der Mittelpunkt ist allerdings fixiert. Wie ein Radius, der einen Kreis malt. Wenn die Bewässerung an ist, steht man manchmal beim Kühe holen wortwörtlich vor einer Wasserwand. Da muss man dann wohl oder übel durch und bekommt eine unfreiwillige Dusche. Die Kühe auch. Die Effekte von dieser Art von Bewässerung kann man sogar auf Google Maps erkennen. Die dunklen Kreise auf dem Farmland sind die bewässerten Stellen. Ein Rotorainer sieht aus wie ein in der Mitte fixierter Metallstab, der sich dreht („rotiert“). Dabei kommt an beiden Enden Wasser raus, dass dann aufs Paddock geschleudert wird. 
Center pivot irrigation in action

Pläne

Während ich in Ashburton gearbeitet habe, habe ich auch einiges unternommen (siehe nächster Post). Deshalb bin ich zum Beispiel vom 16. bis zum 23.3. für eine Weile verschwunden und danach wieder gekommen. Am 5.4. bin ich dann aber endgültig gegangen, weil mir der Arbeitsmangel und das Ignoriert werden zu viel geworden sind. Das hat mir echt nicht mehr gut getan. 

So endgültig war es aber dann doch nicht, denn ich gehe am 15.5. vermutlich nochmal zurück. Angeblich soll es dann mehr Arbeit geben und meine Hilfe wirklich gebraucht werden. Ich hoffe das ist auch wirklich so. Und ich muss sagen ich freue mich echt darauf, wieder zurück zu gehen. Irgendwie vermisse ich die Farm obwohl es mir nicht immer zu 100% gut ging ziemlich stark. War auf jeden Fall trotzdem eine tolle Zeit dort.

Kühe sind sehr neugierige Tiere

Wenn man sich bei den Kühen einfach aufs Paddock setzt fassen sie nach einer Zeit Vertrauen und wagen sich langsam vor, um zu erkunden wer das denn neues da mitten auf der Wiese ist. Total niedlich ^^





Link zum Video in dem die Kuh mal schnuppern kommt und mich auch total ansabbert: Die Kuh kommt mal schnuppern

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