Ashburton II




17.5.-1.6.2018


Obwohl mir die Eingewöhnung in das Arbeitsleben (wie im letzten Post erwähnt) etwas schwer gefallen ist, kann ich doch sagen, dass mir meine Zeit auf der Farm dieses Mal wesentlich besser gefallen hat als beim ersten Mal.


Das hatte viele Gründe denke ich. Der Bedeutendste für mich war aber, dass ich selbst „stabiler“ war. Das ganze Reisen und das viele alleine sein hat mich dazu gebracht, mich selbst mehr zu akzeptieren und mir gegenüber mehr Selbstrespekt aufzubringen. Ich bin auf dem Weg mich nicht mehr hauptsächlich an meinen Leistungen zu messen, sondern mich auch gut zu fühlen wenn ich mal nichts wirklich geleistet habe oder sogar einen Fehler gemacht habe. Dadurch habe ich mich, auch wenn auf der Farm gerade mal nichts zu tun war, nicht nutzlos und unbedeutend gefühlt und irgendwelche Kommentare darüber, dass ich Aufgaben zu exakt nehme, zu langsam arbeite oder irgendwas falsch gemacht habe hatten einen weit geringeren Einfluss auf mich. Ich will nicht sagen sie hatten gar keinen, aber bei Weitem nicht den, den sie das Letzte mal hatten. 


Letztes Mal hatte es mich auch total fertig gemacht, dass meine „Kollegen“ mich manchmal einfach ignoriert haben. Dieses Mal war das zwar auch kein gerade schönes Gefühl, aber es hat viel weniger Schaden angerichtet, weil ich mich nicht vorher schon nutzlos gefühlt habe. Außerdem denke ich, dadurch dass ich von Vornherein mehr Selbstbewusstsein ausgestrahlt habe, konnten sie mich nicht so leicht ignorieren und haben das demnach auch nicht so oft gemacht.


Mit dieser veränderten Einstellung war also alles nicht mehr so erniedrigend. Ich habe mich nicht mehr wie eine Art Sklave gefühlt, sondern wie ein Mitarbeiter auf der gleichen oder ähnlichen Ebene wie die Anderen.


Dazu kommt noch, dass dieses Mal wirklich mehr zu tun war. Die ersten 3 Tage haben mich direkt richtig umgehauen. Die beiden Kollegen, die sonst die meiste Arbeit gemacht haben waren nicht da. Der eine hatte das Wochenende frei, der andere war bei einem Outdoor Survival Kurs oder so. Dadurch war ich mit nur einem anderen Kollegen alleine, was darin resultierte, dass ich dauernd melken musste. Am ersten Tag direkt morgens UND abends, und danach jeden Morgen. Im Vergleich: Letztes Mal habe ich maximal jeden 2. Morgen gemolken. Da ich die Bewegungen nicht mehr gewöhnt war hatte ich direkt nach dem ersten Mal tierischen Muskelkater. Der hat sich natürlich in den nächsten Tagen keineswegs gebessert. Und jeden Morgen 4:20 aufzustehen hat auch nicht unbedingt zu einer Verbesserung beigetragen.


Auch in Ashburton war es ganz schön kalt
Glücklicherweise waren nach den 3 Tagen die anderen beiden wieder da, es gab mal wieder zu wenig zu tun und ich habe kurzfristig 2 Tage frei bekommen.  Hat mich ja aber dieses Mal nicht gestört. Da das Wetter halbwegs passabel war, bin ich kurzentschlossen los gefahren um am Lake Clearwater wandern zu gehen. Kurz nach dem Mittag und nach einer ewig langen und ausgesprochen schlechten Gravel Road bin ich am See angekommen und habe mich direkt aufgemacht, den Mt. Guy (1319m) zu besteigen. Zu meiner Überraschung lag oben einiges an Schnee. Jedenfalls mehr als man von einem 1300m Berg nach einer kurzen Nachmittagswanderung erwartet hätte. Die Aussicht war fabelhaft, aber ich konnte sie nicht lange genießen. Trotz Mütze, Handschuhen, Schal und einigen Lagen an Klamotten wurde es nach kurzer Zeit so kalt, dass ich wieder gehen musste. Es war auch unten am See schon sehr kalt und vor allem sehr windig gewesen.


Ganz rechts im Bild ist der Mt. Guy zu sehen

Blick vom Mt. Guy

Geschafft!




Zu meinem Glück fand sich direkt am See ein nicht allzu teurer Campingplatz und so musste ich nachdem ich zeitgleich mit dem Sonnenuntergang wieder am Auto angekommen war nicht wieder über die ekelhafte Gravel Road zurück, sondern konnte einfach da bleiben. Ein bisschen unheimlich war der Campingplatz aber schon. Ich war ganz alleine dort, es gab kein Büro sondern nur eine Selbstregistrierung mit Kasse des Vertrauens und ich hatte den ganzen Tag keine Menschen außer einem älteren Ehepaar getroffen. Das ist in Neuseeland ja an sich nichts ungewöhnliches, allerding war direkt am See eigentlich eine Art Stadt. Nur war diese komplett verlassen. Es scheint sich um Ferienhäuser zu handeln, die natürlich in der kalten Jahreszeit ihren Reiz und damit ihre Bewohner verlieren. Auch auf dem Campingplatz stand der ein oder andere verlassene Caravan herum. 


Am nächsten Tag wollte ich eigentlich auch wandern gehen, aber diesen Gedanken habe ich nach dem Aufwachen ganz schnell ziemlich tief vergraben. Es regnete. Und zwar ziemlich stark und ein Blick aus dem Fenster auf den aufgeweichten Rasen sagte mir, dass es das schon seit einer Weile tat. 


Demzufolge habe ich den halben Tag im Bett verbracht, gelesen und Film geschaut. Frühstücken brauchte ich nicht, denn ich hatte mich am Tag davor entschlossen, für eine Weile zu fasten und schon gar kein Essen für den nächsten Tag mitgenommen um gar nicht erst in Versuchung zu geraten. Als ich dann vom rumgammeln die Nase voll hatte, habe ich mich bereit gemacht um zurück zu Farm zu fahren. Von dem komplett aufgeweichten Rasen bergauf weg zu kommen stellte sich aber als gar nicht so leicht raus und ich glaube ich bin einem Festfahren nur ganz knapp entkommen. Wäre blöd gewesen. Es gab dort nämlich keinen Empfang. Dann hätte ich erst wieder auf den Berg hoch gemusst. Jedenfalls habe ich mich irgendwie Zentimeter für Zentimeter aus dem Schlamm raus gearbeitet, dabei ordentlich den Rasen zerstört und war wirklich erleichtert wieder auf der tollen Gravel Road fahren zu dürfen.


Jetzt aber zum Fasten. Ihr fragt euch vielleicht, warum ich das gemacht habe. Ich habe schon von vielen immer wieder gehört, dass Fasten eine ganz wunderbare Sache ist. Es ist sehr gesund dem Körper und dem Verdauungssystem ab und an mal eine Pause zu gönnen und soll sich, nachdem man die ersten Tage überwunden hat auch wirklich toll anfühlen. Ich habe diesen Gedanken jedenfalls schon seit über einem Jahr gehegt und dachte mir, nachdem ich in letzter Zeit immer wieder darauf gestoßen bin, jetzt ist der richtige Moment. Zu Fasten während ich herumreise und in einem in den ersten Tagen vielleicht nicht ganz so gutem Zustand Auto zu fahren war mir zu gefährlich. Deshalb wollte ich das machen, wenn ich wieder auf der Farm bin. Also jetzt. Aber jetzt erstmal genug dazu. Wenn es euch mehr interessiert könnt ihr euch ja gern dazu belesen. (Rüdiger Dahlke ist nur zu empfehlen.)


Am nächsten Tag ging es wieder an die Arbeit. Dachte ich. Aber nein. Planänderung. Eigentlich war geplant, dass wir mit dem „Dry Off“ (Das kann man irgendwie nicht übersetzen. „Trokenlegen“ trifft es vielleicht am ehesten.) der Kühe anfangen. Das sollte eigentlich schon vor 2 Tagen beginnen, aber da waren die Kühe noch nicht bereit. Und auch jetzt waren die Kühe noch nicht bereit. 


Um euch das kurz und knackig zu erklären: Im Winter werden die Kühe nicht gemolken. Das beginnt erst wieder nachdem sie im Frühjahr gekalbt haben. Es wäre im Winter sowieso zu aufwändig und zu teuer genug Futter anzuschaffen, damit die Kühe Milch geben und gleichzeitig gesund bleiben. Die Wiesen wachsen aufgrund der Kälte schlecht nach und die Kühe brauchen gleichzeitig mehr Energie um sich warm zu halten. (Es gibt natürlich trotzdem Herden, die im Winter gemolken werden. Der Milchpreis ist im Winter höher, sodass es sich zu lohnen scheint. Ich habe aber auch gehört, dass es sich eigentlich doch nicht lohnt, da man mehr für den Transport der Milch bezahlen muss. Die Wege sind weiter, da nicht alle Milchfabriken im Winter arbeiten und außerdem muss man ja auch noch für das zusätzliche Futter bezahlen. Melken im Winter ist übrigens kein schöner Job. Die Hände sind dauernd nass und Nass und Minusgrade ist keine schöne Mischung. Das durfte ich in den ersten 3 Tagen oft genug erfahren.) Jedenfalls werden die Kühe dazu gebracht immer weniger Milch zu produzieren. Das geschieht dadurch, dass sie weniger Futter bekommen aus dem sie Milch machen können (z.B. Gras). Gras gibt ihnen schnell Energie. Es wird schnell verdaut und enthält viel Flüssigkeit. Die Kühe bekommen also weniger Gras (und ich glaube auch insgesamt weniger Futter), aber dafür balaege (scheint auf Deutsch „Heulage“ zu heißen, was auch immer das ist) und Stroh. Das wird viel langsamer aufgespalten, das heißt die Kühe bekommen nur ganz allmählich die Energie aus dem Futter und es enthält weniger Flüssigkeit, sodass sie daraus keine Milch produzieren. Während dieses ganzen Prozesses magern die Kühe ziemlich ab, aber sobald der Milchfluss dann versiegt ist, können sie wieder aufgepäppelt werden. Sie fangen nicht einfach wieder an Milch zu produzieren. 


Das klingt ja jetzt erstmal nicht nach zu viel Arbeit. Die Arbeit kommt aber noch. Sobald die Kühe dann „bereit“ sind – also keine oder nur noch sehr wenig Milch produzieren, werden ihre Zitzen versiegelt. Das ist an sich nicht unbedingt notwendig (organic Farmen machen das z.B. nicht), soll aber gut sein um Mastitis Infektionen über den Winter zu verhindern. Zum Versiegeln („teatsealing“) aber später mehr. (Okay okay ich sehe es ein. Kurz und knackig ist was anderes :D )


Die Kühe waren jedenfalls doch noch nicht bereit, weshalb ich morgens um 7 anstelle in der Melkanlage sauber zu machen kurzfristig nach Twizel geschickt wurde. Matt und Libby haben dort ein Haus und davor ist ein Zaun, der eigentlich schon vor einiger Zeit hätte angestrichen werden sollen. Sie sind aber nie dazu gekommen und jetzt war das also meine Aufgabe. Also mein Auto geschnappt, schnell noch in Geraldine Farbe und Pinsel gekauft und dann ab die 180km nach Twizel gefahren. So viel zum nicht Autofahren während den ersten Fastentagen. Haha. 

Pause am gleichen Campingplatz auf dem ich mit Joel schon mal war


War dann aber nicht wirklich ein Problem, denn mir ging es noch relativ gut. In Twizel war es trotz schönstem Sonnenschein sehr kalt, sodass ich nach über 5h Zaun streichen komplett erfroren war. Zu meinem Leidwesen funktionierte das heiße Wasser nicht, sodass ich erst darauf warten musste bis Matt mir erklären konnte wie ich es in Gang bekomme. Zum Glück hatten die beiden mir aber eine ordentliche Ladung Feuerholz mitgegeben. Ohne den Kamin wäre es sonst ziemlich ungemütlich geworden. Heizungen sind in Neuseeland irgendwie ein Fremdwort. Nach der langen Autofahrt und dem ewigen Zaun streichen und frieren war ich mittlerweile total erschöpft, aber Tee trinken und klare Brühe löffeln hat nichts gebracht. An dem Abend ging es mir ehrlich gesagt ziemlich beschissen. Kein schönes Gefühl dann dort alleine in dem Haus zu sein. Die Nacht habe ich dort verbracht. Hin und zurück fahren hätte sich an einem Tag nicht gelohnt. Hätte ich auch gar nicht geschafft.


Nach einer wirklich sehr unerholsamen Nacht bin ich dann am nächsten Morgen aufgestanden und es ging mir noch schlechter als am Abend davor. Es war mittlerweile im ganzen Haus wieder kalt und mir war ziemlich übel. Nachdem ich mich dann etwas schlau gemacht habe, kam heraus, dass das anscheinend an einem zu schnell abgefallenen Blutzuckerspiegel lag. Als Hilfe wurde im Internet ein Löffel Honig empfohlen. Danach war mir aber ganz und gar nicht. Den habe ich mir also eher rein gezwängt, aber nach kurzer Zeit wurde es doch tatsächlich besser, sodass ich mich in der Lage dazu fühlte, zurück nach Ashburton zu fahren. Ziemlich langsam natürlich.


Noch auf dem Weg wurde ich angerufen und mir wurde gesagt, ich solle doch direkt nachdem ich zurück komme zur Melkanlage kommen und mit beim Zitzen Versiegeln helfen. Es war also so weit. 


Ich habe allerdings an dem Tag nicht viel gemacht außer den Kühen die fertig versiegelt waren einen roten Strich aufs Euter zu sprühen und ihre Zitzen mit einer Art Desinfektionsmittel einzusprühen. Das kam mir allerdings recht gelegen. Mir war nämlich ziemlich schwindelig und ich habe mich echt schwach gefühlt.


Am nächsten Tag war ich dann mit Martin alleine. Die anderen beiden hatten ihr freies Wochenende. Trotzdem mussten weiter Zitzen versiegelt werden. Schon vor um 9 mussten 120 Kühe fertig sein, damit der Truck sie mitnehmen konnte. Dieser hat die „fertigen“ Kühe (übrigens ziemlich unsanft – das war echt nicht schön) verladen und sie zum Run Off Block in Montalto gefahren, wo sie den Winter verbringen werden – denn dort befindet sich das ganze Futter. (Futterrüben, Steckrüben usw.) Auf der Farm wächst im Winter nicht genug Gras. Dieses Mal musste/konnte ich also beim teatsealing helfen. 


Das teatsealing ist eine ziemlich aufwändige Angelegenheit. In jede Zitze jeder Kuh werden 2 Spritzen gespritzt. Das sind also bei ca. 750 Kühen (es wurden nicht alle versiegelt – einige sind auch zum Schlachter gefahren) 6.000 Spritzen, die alle einzeln in die Spitzen der Zitzen injiziert werden müssen. (Haha. Voll der Zungenbrecher. Spritzen in die Spitzen der Zitzen :D ) Bevor das geschieht muss auch noch jede einzelne Zitze mit sogenannten „teat wipes“ (eigentlich nichts anderes als Desinfektionstücher, klingt aber schlauer) sauber gewischt werden.


Die erste Spritze enthält Penicillin. Das soll die eventuell schon in der Zitze vorhandenen Bakterien abtöten. Die zweite Spritze enthält eine Art Silikon, das das Eindringen neuer Bakterien verhindern soll. Dieses Silikon bleibt den ganzen Winter über in einem plastischen Zustand in der Zitze und muss im Frühling wieder raus gequetscht werden bevor die Kühe das erste Mal gemolken werden. Eigentlich dachte ich das muss passieren bevor das Kalb das erste Mal bei der Mutter trinkt, damit es die ganze Chemie nicht aufnimmt, aber das scheint leider irgendwie keinen zu beunruhigen. Die Zitze muss vorher gesäubert werden, damit man mit der Spritze keine neuen Keime in die Zitze schiebt.


Das Ganze läuft dann so ab, dass die Kühe wie beim Melken im Kreis in der Melkanlage stehen. Natürlich ohne gemolken zu werden. Das ist kurz vorher das letzte Mal geschehen. Die Leute die die Zitzen versiegeln gehen dann von Kuh zu Kuh und versiegeln die Zitzen. Die Spritzen hat man in kleinen Taschen, die man sich um die Hüfte schnallt. 

Beim Teat-Sealing. Leider waren wir nicht immer so viele.

Mir wurde es so beigebracht, dass man jede Zitze einzeln bearbeitet. Also sich eine vornimmt, diese säubert, dann die erste Spritze (dryclox) und dann die zweite (dryseal) injiziert und dann zur nächsten übergeht. Während man eine Zitze bearbeitet, hält man sie die ganze Zeit mit einer Hand fest. Das geht mit der Zeit ganz schön auf die Muskeln, den Arm die ganze Zeit hoch zu halten. Mit der anderen Hand nimmt man sich dann die Spritzen, beißt das Endstück ab, schiebt sie (nicht zu tief) in die Zitze und drückt den Wirkstoff hinein. Ihr könnt euch vorstellen was für Berge an Müll bei diesem ganzen Prozess anfallen. Pro Zitze mindestens ein teat wipe, 2 Spriten mit jeweils einer Kappe und dazu kommen noch leere Farbdosen vom Markieren. 


Den Kühen gefällt das ganze logischerweise nicht wirklich gut, weshalb sie doch ganz gern mal nach einem treten. Dabei mit der einen Hand die Zitze nicht loszulassen und mit der Spritze nicht zu verrutschen aber gleichzeitig nicht getreten (oder angeschissen) zu werden ist eine ziemliche Kunst.


Wie zu erwarten bei diesem Aufwand dauert es wenn man nur zu zweit ist ewig bis man eine Runde von  fast 60 Kühen fertig versiegelt hat, aber wir haben es irgendwie geschafft vor um 9 fertig zu sein. (Obwohl natürlich Martin den Großteil gemacht hat. Ich war noch recht langsam.)


Die nächsten 3 Tage haben wir dann jeden Morgen nach dem Melken das Gleiche gemacht. Allerdings waren wir dann teilweise sogar zu 5. oder zu 6. weil Freunde von anderen Farmen gekommen sind um mitzuhelfen. Nach insgesamt 5 Tagen waren wir dann endlich fertig. Eine ziemliche Erleichterung. Zur Feier dessen und als Dankeschön haben Matt und Libby alle die geholfen haben am vorletzten Tag zum Essen eingeladen.


Mein erster Apfel nach 5 Tagen
Apropos Essen. Mein Fasten habe ich nach 5 Tagen beendet. Eigentlich hatte ich bis jetzt nur gehört, dass sich nach ca. 3 Tagen Fasten eine Art Hochgefühl oder Euphorie einstellt. Das ist bei mir irgendwie nicht passiert. Warum weiß ich nicht. Da kann ich nur spekulieren. Jedenfalls ging es mir die gesamte Zeit nicht wirklich gut. Es war zwar nicht so schlimm wie in den ersten Tagen, aber von Euphorie keine Spur. Das viele Arbeiten (meistens über 9h pro Tag) hat vielleicht seinen Teil dazu beigetragen. Am 5. Tag ging es mir jedenfalls wieder ziemlich kacke, sodass ich jegliche Überlegungen das Ganze auf 7 Tage auszuweiten schnell verworfen habe. Das Fastenbrechen mit einem Apfel zu Frühstück und Suppe zum Mittag am Tag danach war super. So lecker! Und sich wirklich Zeit fürs Essen zu nehmen und sich ausschließlich darauf zu konzentrieren ist toll.


Als wir dann zusammen Essen waren (da hatte ich mit Fasten schon wieder aufgehört), wussten mittlerweile wirklich alle, dass ich gefastet hatte. Eigentlich wollte ich das gar nicht, aber Matt und Libby scheinen es allen erzählt zu haben. Obwohl ich dachte ich hätte es deutlich gemacht, dass ich mich nicht vor allen „rechtfertigen“ möchte, als ich ihnen am 3. Tag doch den Grund dafür erzählen musste warum ich in den letzten Tagen sämtliches Essen abgelehnt habe.  Mich haben dann fast alle darauf angesprochen. Das war nicht so schön. Aber naja. Passiert. 


Jetzt waren alle Kühe von der Farm verschwunden, die dadurch seltsam verlassen wirkte. Deshalb sind wir ab dann jeden Morgen um 7 zum Run Off gefahren um dort zu arbeiten. Dort war es immer noch kälter als es schon auf der Farm war, sodass ich mir jeden Morgen Gesicht und Hände auf dem Quad abfrieren durfte und Zaunspfähle aus gefrorenem Boden ziehen konnte. Die Sachen die ich dort gemacht habe reichen von Kühe zählen über Zäune in den Futter- oder Steckrüben verschieben oder begradigen, junge Bullen irgendwelche Hormonpritzen versetzen um sie zu sterilisieren und Herden hin und her zu treiben bis hin zum Vermessen schon abgefressener Flächen. Und man habe ich in den paar Tagen dort viele Stromschläge bekommen. Einige waren sogar so stark, dass die Stellen mit denen ich den Stromzaun oder andere leitende Dinge berührt habe nach einer halben Stunde noch gebrannt haben und taub waren. 

Morgens auf dem Run-Off beim Zaun shiften im Frost

An einem Nachmittag hat mir Matt ein zahmes Reh von einem Freund von ihm gezeigt

Abends auf dem Run-Off. Auf dem Paddock wurden Reste von gefällten Bäumen verbrannt.

Hier noch 2 Videos vom Run-Off:


 


Da wir jetzt mit dem dry off fertig waren, war meine Hilfe nicht mehr nötig und es wurde für mich mal wieder Zeit zu gehen. Der Abschied war dieses Mal sehr schön. Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen kann, aber ich kann auf den Abschied zurück schauen und michwirklich darüber freuen. Nicht dass ich gerne gegangen bin – das auf keinen Fall. Aber irgendwie habe ich das Gefühl mich dieses Mal richtig von jedem Einzelnen verabschiedet zu haben. Nicht wie letztes Mal als es keinen gejuckt hat, dass ich vielleicht auf nimmer wiedersehen verschwunden bin. Ich hatte irgendwie die Gelegenheit von jedem hintereinander, persönlich, in verschiedenen Momenten Abschied zu nehmen und irgendwie war bei allen das letzte Mal das ich sie gesehen habe besonders. Damit meine ich, das Verhältnis war anders als das normale, kühle Arbeitsverhältnis. Ich hatte das Gefühl, dass sie mich in dem Moment nicht nur als Arbeiter, sondern auch als Freund gesehen haben, von dem sie Abschied nehmen. Das bedeutet mir viel.

Es folgen noch ein paar Bilder die sehenswert finde:


Nach dem Melken: Sonnenaufgang im Nebel

Quad und Anhänger mit Palmkernel für die Kühe




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