Farm Update 2: Neues im Farmleben und neue Erfahrungen

--- Bilder kommen spaeter ---

Neues im Farmleben und neue Erfahrungen
Die groesste Neuerung im Farmleben ist vermutlich das Wetter! Wenn ihr euch mal daran zurueck erinnert wie es war, als ich hier angekommen bin, wird der Unterschied sehr gut deutlich! Am Anfang meiner Zeit hier, war es morgens so kalt, dass ich eine Leggins, eine Hose, zwei paar Socken, T-Shirt und noch 2 bis 3 Jerseys an hatte und es hat die ganze Zeit geregnet, sodass alles aufgeweicht war. Und jetzt gebt euch mal das Wetter jetzt: Sonnenschein, fast jeden Tag um die 30 Grad, sodass du Mittags nur noch verbrennst und weit und breit kein Regentropfen. Das Gras cruncht richtig wenn man darueber laeuft und die Kuehe bekommen jetzt sogar taeglich ein Stueck vom Luzernenpaddpock, weil das Gras nicht reicht. (Das sind Pflanzen die auch bei ganz trockenem Wetter ausgezeichnet wachsen. Wurde extra fuer solch ein Wetter angepflanzt.) Und es ist gerade mal Sommeranfang!
Heute war es so heiss, dass ich den groessten Teil des Tages nass war! Das ging damit los, dass wir in Carolines Garten Unkraut gejaetet haben und Cassie mich - in der Meinung ich sei eine Blume - gegossen hat. Und das nicht zu kurz. Also komplett durchgeweicht. Das trocknete trotz Sonne auch nicht bis nach dem Mittagessen - die ersten 3 nassen Stunden. Dann sind wir vor dem Melken, als ich mir gerade wieder was trockenes angezogen hatte, im Horomanga River schwimmen gegangen. Das war auch locker ueber eine Stunde. Beim Melken war es dann immernoch echt heiss. Resultat war, dass wir eine 2 stuendige Wasserschlacht gemacht haben. Das Ganze ging damit los, dass Laura etwas Kuhscheisse am Ruecken hatte und ich die einfach mit dem kleinen Schlauch weg gespuelt habe. Dann hat sie mich aber angesprueht, da habe ich natuerlich zurueckgeschossen und mich weg gedreht. Hinter uns stand Karl, den ich dann natuerlich "ausversehen" auch mit nass gemacht habe. Aber was macht der? Er nimmt dann einfach ohne eine Miene zu verziehen so den ganz grossen Schlauch (gross heisst so feuerwehrmaessig), mit dem wir sonst immer nach dem Melken alles waschen und weicht uns einfach komplett von Kopf bis Fuss ein. Damit ihr euch das vorstellen koennt: Der Wasserschlauch ist so stark, dass man fast umfaellt wenn man davon getroffen wird! Das gab natuerlich immer wieder verschiedene Revanchen und so endete das Melken in einer einzigen Wasserschlacht. 
Und danach bin ich im Garten nochmal unter den Rasensprenger gehuepft.

Anfang Oktober haben wir die Bullen zu mit zu den Kuehen auf die Weide gelassen. Die Bullen muessen sehr jung sein, weil sie immer schwerer werden, je aelter sie werden. Die Meisten sind noch unter 5 Jahre alt und trotzdem schon wesentlich groesser als die Kuehe - weshalb es auch am Anfang zu einigen Unfaellen kam. Am Anfang deswegen, weil die Bullen natuerlich die langsamsten - also auch die gebrechlichsten - Kuehe zuerst erwischen. Zum Beispiel hat sich eine Kuh die Huefte ausgerenkt, nachdem einer der Bullen auf sie gesprungen ist. Das hat sich aber wieder eingerenkt. Eine andere musste leider erschossen werden, weil der Bulle ihr beim Fortpflanzungsversuch den Ruecken gebrochen hat. 
Die Bullen sind natuerlich auch beim Melken mit dabei. Sie stehen einfach mit in der Reihe und warten mehr oder weniger geduldig, bis sie wieder raus kommen. Bevor sie mit zu den weiblichen Kuehen gekommen sind hat Karl uns immer absolute Horrorgeschichten von Bullen erzaehlt, die in der Melkanlage auf die Kuehe springen. Irgendwas von Bullen oder Kuehen die ueber das Gelaender fallen und dann auf einmal unten mit im Gang stehen (oder eher liegen), oder dass die Bullen die Melkanlage komplett zerlegen, aggressiv sind usw. Und dann hat er uns auch noch richtig tiefe Dellen im Metallgelaender gezeigt, die anscheinend einem der Bullen anzurechnen sind. Wir hatten echt richtig Respekt vor denen!
War natuerlich mal wieder voll uebertrieben. Ich meine: Ja, die Bullen besteigen manchmal die Kuh vor sich, wenn sie gerade in der Melkanlage stehen. Das sieht immer total brutal aus, weil die Kuh total in Panik ausbricht, aber weder vor noch zurueck kann, weil vor ihr Kuehe stehen und von hinten der Bulle kommt. Total vergewaltigt die Armen. Aber trotzdem ist bis jetzt noch keine Kuh und vor allem kein Bulle in den Gang gefallen. Die Kuehe sind maximal hin gefallen und die Bullen haben sich manchmal mit dem Bein im Gelaender verhakt - was einen moerderischen Krach macht... Und aggressiv sind die auch nicht wirklich. Der eine ist sogar total verkuschelt. Er kommt immer angelaufen und will am Kopf gekrault werden. Erst denkt man sich so "Oha! Da kommt ein Bulle erstmal direkt auf mich zu, schnell weg!" Aber ja, der will nur spielen. Was ihn natuerlich auch wieder gefaehrlich macht. So ein Mensch ist halt doch etwas fragiler als ein anderer Artgenosse. Die Melkanlage haben sie auch nicht zerlegt. Die Regenrinne ist zwar schon ein paar mal runter gekommen, weil sie voll dagegen gedonnert sind beim hoch springen aber das wars dann auch.
Natuerlich sind mir alle Bullen immer noch ein bisschen suspekt, weil sie erstens durch ihre Groesse und Staerke echt einschuechternd sein koennen, zweitens sehr laut sind (staendig am durch die Gegend muhen! Du kannst denen bis in den Bauch schauen, wenn die ihr Maul aufreissen) und drittens auch mal schnell ihre Meinung aendern und einfach umdrehen und zurueck rennen. Man kann halt nie einschaetzen, was sie als naechstes machen. Die haben echt ihren eigenen Dickkopf.
Sie lieben uebrings den Suzuki. Den kann man echt nicht mit einem Bullen alleine lassen. Der Bulle geht sofort zum Suzuki "schmusen". Den Fehler haben wir ein mal gemacht und jetzt haben wir eine eingedrueckte Tuer und Stossstange.


Trotz der langen Zeit, die ich jetzt schon hier bin gibt es immernoch einige Dinge, die man zum ersten mal macht. Ich konnte zum Beispiel mit dem grossen (und lauten!) gelben Bagger durch die Gegend fahren, mit dem Trennschleifer (oder was auch immer Grinder uebersetzt heisst) mehrere Metallschichten durchtrennen oder alte Schrauben von einem total verrosteten Kartoffelpflanzer abschleifen, der instand gesetzt werden soll (letzteres ist ganz schoen tricky... Ueberall andere Metallteile, sodass man den Grinder nicht ordentlich ansetzten kann) oder beim Silage machen im Traktor mitfahren (5 Stunden war aber echt laaaaaaange).

Mit dem Suzuki haben wir auch einige neue Dinge erlebt: Erstmal habe ich den in ein richtig tiefes Loch genau vorm Haus gefahren. Ich wusste eigentlich, dass das da war, hatte es dann aber beim Wenden doch fuer einen Moment aus den Augen verloren und rums! Da war einer der Reifen im Loch - und das Auto in totaler Schieflage. Keine Chance da wieder raus zu kommen. Alf hat das Auto dann mit dem Traktor raus ziehen muessen und ich war echt froh, dass am Unterboden nichts kaputt gegangen ist.
Dann haben wir das Auto noch im Schlamm fest gefahren. Erstmal alles versucht was ich aus noch an Papas Tipps fuer schlammige Festivalparkplaetze in meinem Hinterkopf gefunden habe: z.B. mit dem Auto vor und zurueck wippen oder die Fussmatten vor oder hinter die Reifen legen (die sahen danach uebrigens wirklich toll aus). Hat aber alles nichts gebracht. Irgendwann fiel uns dann aber auf "Warte mal. Da drehen sich ja gar nicht alle vier Reifen. Ich dachte das Auto hat Allrad!". Dann haben wir ewig nach dem Umschalter gesucht, weil wir keinen Plan von 4WD Autos hatten. Hat eine Weile gedauert, aber schliesslich haben wir ihn doch gefunden und sind stolz aus dem Schlamm raus gefahren. Anscheinend hat uns Karl die ganze Zeit beobachtet und total gefeiert. Er wusste, dass der Allradantrieb aus war, hat er uns spaeter erzaehlt. Und er meinte noch: "Jetzt wisst ihr auf jeden Fall wie das geht." Naja. Das uebliche learning by doing halt.
Nur ein oder zwei Tage spaeter haben wir den Suzuki dann aber nochmal so festgefahren, dass wir nichtmal mit 4WD wieder raus gekommen sind. Da musste dann wieder der Traktor ran.

Aber apropos learning by doing. Im vorherigen Post habe ich ja geschrieben, dass wir Baeume gekauft haben. Die haben wir dann natuerlich auch irgendwann eingepflanzt. Damit die Kuehe die jungen Baeume nicht anfressen muss man einen Zaun um die drum herum bauen - und, wie sollte es anders sein, wurden wir einfach mal alleine dazu losgeschickt. Wir uns also den Fencing Trailer geschnappt und ab in den hintersten Winkel der Farm. Da wir vorher erst einmal mit Karl fencen waren und da auch fast nur zugeschaut haben hatten wir eher keinen Plan und haben uns erstmal angeschaut wie das denn bei den anderen Baeumen so gemacht wurde. So haben wir es dann auch versucht und absolut ewig gebraucht, weil wir z.B. die Zaunspfosten eingegraben haben anstelle sie in den Boden zu rammen. (Wobei wir zu unserer Verteidigung sagen muessen, dass Karl uns gefragt hat, ob wir eine Schaufel dabei haben. Daraus haben wir natuerlich geschlussfolgert, dass man die Posten eingraebt.) 
An dem Tag war es zu allem Ueberfluss auch noch unnormal heiss. Als wir dann nach bestimmt 3 oder 4 Stunden den ersten Zaun fast fertig hatten, kam dann doch mal Karl nach uns gucken und es stellte sich heraus: Das ist falsch. Ihr muesst nochmal von vorne anfangen. Er hat uns dann das mit dem Posten rein rammen gesagt, aber das war es dann an Infos. Das Tool fuers rein rammen hat uebrigens auch gefehlt. Wir mussten einen extrem schweren Hammer nehmen. Also wieder von vorne... Bei den anderen Baeumen wurde der Zaun aus Tape und Metallpfosten gebaut, aber wir mussten den fencing Draht bemutzen, was das ganze wesentlich schwerer macht. Der Draht ist echt sperrig und macht nie wirklich was man will. Ausserdem ist er recht stabil, was es durchaus kompliziert macht, ihn irgendwo drum zu wickeln oder so. Im Endeffekt kamen dann durch Zufall Ron (Karls Bruder) und seine Frau Michelle vorbei. Ron hat uns gezeigt wie man das richtig macht und den einen von den beiden Zaeunen fuer uns gebaut. Dafuer hat er vor Allem maximal 10 Minuten gebraucht! Und wir in 4 Stunden nicht mal die Haelfte geschafft... Den zweiten Zaun haben wir dann alleine hin bekommen - wenn auch mit diversen Drahtkratzern auf der Haut. Hat auch etwas mehr als 10 Minuten gedauert, aber es war weniger als eine halbe Stunde. Die 10 Minuten zeigen waeren BEVOR wir angefangen haben definitiv nuetzlicher gewesen... Aber ja. Jetzt wissen wir jedenfalls ganz grob wie das so geht und dass man Y-Zaunspfosten nicht eingraebt sondern rammt.

Die neuste Neuerung ist, dass wir jetzt auf der Farm alle ueberall ausser im Haus High-Vis (also Warnwesten-Style) tragen muessen. Ohne Neongelb oder Neonorange darf man nicht mal mehr in den Garten, geschweige denn zum Workshop oder zu den Kuehen. Und wenn es morgens beim Melken noch dunkel ist, muss das Shirt zusaetzlich noch 2 Reflektorstreifen haben. Das ist einerseits echt praktisch, weil man alle von meilenweit entfernt sehen kann. Selbst wenn wir die Kuehe von ganz hinten vom Paddock holen koennen wir Karl in der Melkanlage rum rennen sehen. Auch morgens. Das unguenstige daran ist: man wird ueberall gesehen. Eigentlich haben wir uns nach dem Mittag manchmal ins Stroh gelegt und dort ein bisschen gechillt oder geschlafen, weil da keiner nach uns sucht um uns Aufgaben zu geben. Die denken einfach, dass wir schon eine andere Aufgabe haben, wenn wir nicht in unserem Zimmer oder im Haus sind. Letztens haben wir aber mit High-Vis dort gechillt und wir wurden natuerlich trotzdem direkt von der anderen Seite des Workshops gespottet. Das koennen wir also nicht nochmal bringen. Die andere Sache ist: Wir haben je nur ein Shirt und einen Pullover. Das heisst man hat die Wahl zwischen "nicht waschen" und "nasses Shirt am naechsten Tag". Nicht besonders toll. Und selbst wenn man sich fuer das nasse Shirt entscheidet, riecht das zwar dann wieder halbwegs ok, aber die Kuhscheisse Flecken gehen sowieso nicht raus. Geschweige denn Oel oder Benzinflecken.
Das High-Vis ist aber nicht das Einzige. Eigentlich muessen wir jetzt auf dem Motorrad Helme und im Auto immer Gurte tragen - aber daran haelt sich keiner. An das High-Vis uebrigens auch niemand ausser Caroline & Karl + Kinder und wir. Die die im Workshop arbeiten juckt es einfach ueberhaupt nicht.
Der Grund fuer das Ganze ist etwas schwierig zu erklaeren. Aber ich versuche es. Also die Regierung von Neuseeland besitzt einige Dairy Farmen. Der "Besitzer" (oder wie auch immer man das sagt) nennt sich Landcorp. Und die wiederum wollen ihre Dairy Farmen zu organic Dairy Farmen konvertieren und die Farm hier soll anscheinend als eines der Beispiele dienen, weil sie so vorbildlich ist. Deshalb geht auch demnaechst die Milch nicht mehr zum organic dairy hub, sondern zu Landcorp. Jedenfalls muessen deshalb jetzt hier die ganzen Landcorp Richtlinien eingehalten werden -> High-Vis, Helme, Seatbelts usw. Na das war ja doch gar nicht so schwer zu erklaeren.

Achso. Und dann habe ich noch ein paar interessante Infos ueber Kuehe fuer euch: 

  1. Kuehe sind Menschen in einigen Dingen voll aehnlich! Sie koennen zum Beispiel weinen, sind auch 9 Monate schwanger und ihre Augen sind aehnlich denen von Menschen aufgebaut. 
  2. Wenn die Kuehe "on heat" sind (sorry, kein Plan was das auf Deutsch heisst - ich glaube Brunst), springen nicht nur die Bullen auf sie drauf, sondern auch andere weibliche Kuehe. Warum auch immer. Man erkennt die "on-heat-Kuehe" immer sehr schnell daran, dass die totale Scheuerstellen am Ruecken haben.
  3. Es gab hier ein Kaelbchen das 2 Muetter hatte. Das kam so: Die eine Mutter hat ihr Kalb verloren (Totgeburt) und hat dann einfach angefangen das Kalb von einer anderen Kuh mit zu beschuetzen und zu saeugen. (Das war echt ein ganz schoener Struggle als wir denen das wegnehmen mussten - natuerlich auch ohne Hilfe...) Die Beiden haben sich auch nicht in die Haare gekriegt oder so.

Apropos totes Kalb. (Echt ne bloede Ueberleitung, gebe ich zu. Aber hey! Besser als gar nichs. Die Konnektoren...!) Ne, was ich schreiben wollte ist, dass ich doch allen ernstes ein Kalb erschossen habe. Also ich selber, you know? Eines der letzten Kaelber war ziemlich schlimm krank und hat nur noch gelitten, deshalb musste es sowieso erschossen werden. Karl kam dann mit dem Bolzen an und hat, wie jedes mal, gefragt ober wir es nicht machen wollen. Und ich dachte mir: Wenn nicht jetzt, dann nie. Ich will wissen ob ich das koennte. Im Endeffekt war es gar nicht so schwer, weil es sich so unreal und stumpf angefuehlt hat. Man muss den Bolzen halt echt nur abdruecken. Das geht viel schneller als man ueberhaupt ueberdenken kann, was man da eigentlich gerade tut. Ich muss sagen diese Abgestumpftheit erschreckt mich ganz schoen, wenn ich ehrlich bin. Natuerlich sagt mir mein Kopf direkt "Das musste sowieso sterben. Haette ich es nicht gemacht, haette Karl es getan und wenn er es nicht gemacht haette ware es vermutlich noch schmerzvoller gestorben." Aber darum geht es mir eigentlich gar nicht. Eher darum, dass man ueber Leben und Tod eines anderen Tieres entscheidet und sich das so banal anfuehlt. Ich habe irgendwie das Gefuehl, das sollte es nicht.

So. Da habt ihr in den letzten beiden Abschnitten mal etwas zum Nachdenken.

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